Gespräch: Katharina Kropshofer
FALTER: Nr. 43/2026
Erscheinungsdatum: 21.10.2026
Verena Winiwarter ist eine Pionierin der Umweltgeschichte in Österreichs. 2013 wurde sie zur „Wissenschafterin des Jahres“ gewählt. Als Universitätsprofessorin und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erforschte sie die Wechselwirkungen zwischen Natur und Gesellschaft – von der Umweltgeschichte der Böden und der Wiener Donau bis zu militärischen Altlasten. Ihre wissenschaftliche Arbeit verbindet historische Analyse mit gesellschaftlicher Verantwortung: Winiwarter setzt sich seit Jahren öffentlich für konsequenten Klima- und Umweltschutz ein und zeigt, dass ökologische Krisen stets auch Fragen von Demokratie, Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit sind. Damit prägt sie Wissenschaft, Politik und öffentliche Debatten gleichermaßen – in Österreich und weit darüber hinaus.
Selbst die Pensionierung hat nichts an ihrem vollen Terminkalender geändert. Zuerst ein Vortrag bei einem Symposium über Wasserverbrauch in der Lebensmittelindustrie. Dann einen Thinktank beraten. Und dazwischen ein Interview in einem Kaffeehaus in Wien. Eine Fingerübung für Verena Winiwarter.
Die 65-jährige ist Österreichs berühmteste Umwelthistorikerin - und vielfach prämiert. Als Wissenschaftlerin des Jahres und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, mit dem Ehrenzeichen des Landes Kärnten und Preisen der Stadt Wien. Im November kommt eine weitere Ehrung dazu. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) wird der Forscherin den Österreichischen Staatspreis für Geschichtswissenschaften überreichen. Als Anerkennung ihres Lebenswerks. Doch weil Hinterfragen Teil ihres Berufs ist, nimmt Winiwarter das nicht einfach so hin: "Was ist das eigentlich, so ein Lebenswerk?", fragt sie. Und ist bereit, das zu rekapitulieren.
Winiwarter machte zunächst eine Ausbildung als Chemie-Ingenieurin, arbeitete viele Jahre an der Technischen Universität Wien, nahm Proben am nährstoffbelasteten Neusiedler See oder maß die Luftverschmutzung in der Hauptstadt. Zu ihrer Unterhaltung begann sie mit Mitte 20 abends Geschichte und Publizistik zu studieren. "Umweltfragen spielten dort keinerlei Rolle", sagt sie. So begann ein langer Kampf um Anerkennung: 1998 promovierte sie als Erste im Fach Umweltgeschichte. 2007 folgte die erste Professur für das Fach am Institut für Soziale Ökologie an der Universität Klagenfurt. Erst mit 47 hatte Winiwarter somit ihre erste fixe Stelle inne.
Denn ihr Fach gab es in Österreich so noch nicht. Als die Disziplin in den 1970er-Jahren aus den USA nach Europa schwappte, reagierten Wissenschaftler zunächst skeptisch. Zu groß war die Angst vor dem sogenannten "Umweltdeterminismus", der die Natur als Erklärungsansatz für menschliche Eigenschaften nimmt. Die Erinnerung an Eugenik und Rassenlehre während des Zweiten Weltkriegs saß wohl noch zu tief. "Dabei hat die Umweltgeschichtegar nichts damit zu tun", sagt die Historikerin.
Stattdessen wollte Winiwarter das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft und Natur verstehen. Dafür verbrachte sie monatelang im Archiv der Stiftsbibliothek Melk und studierte alte landwirtschaftliche Werke. Schon vor Jahrhunderten haben Menschen darin ihre Erfahrungen zu Bodengesundheit festgeschrieben. Und nicht nur Akademiker. Winiwarters Arbeit zeigte, dass Bauern in Randspalten ihr praktisches Wissen notiert hatten: "Zwei Fuß tief reichen", stand da etwa mit Bleistift neben einer Anleitung für korrekte Aussaat.
Gerade heute ist das Studium der Umwelt in Ländern und Städten vor unserer Zeit relevant. Wer einen Umgang mit dem rezenten Klimawandel finden will, muss Klimakrisen der Vergangenheit verstehen. Insbesondere bei Winiwarters Lieblingsthema: Wasser - und wie es unseren Alltag prägt. Man muss nur an die anhaltende Trockenheit dieses Jahres denken. Oder auch an das Hochwasser im September 2024. Als Beispiel nennt Winiwarter die Leopoldstadt im 19. Jahrhundert. Hochwasser waren damals noch vor der ersten großen Donauregulierung 1870, normal und häufig. Die Menschen hatten weniger Ressourcen, die Monarchie nicht dieselben Aufgaben wie ein moderner Staat.
Verena Winiwarter
Stattdessen galt ein "passiver Hochwasserschutz": Nach Verordnung mussten die Einwohner ihr Hab und Gut im Dachboden lagern. Manche Häuser sollten kleine Boote oder Planken bereitstellen. Und jedes Hochwasser war auch eine Phase der Umverteilung. Bürgerliche Frauen machten sich mit großen Charity-Events einen Namen. Kirchen und Klöster boten an heißen Tagen ihre Gewölbe als "coole Zonen" an, wie sie heute die Stadt betreibt. "Man könnte sagen: Das gesellschaftliche Immunsystem war fitter für Katastrophen."
Was nicht heißt, dass Winiwarter keine Verantwortung bei der Stadtverwaltung und der Politik sieht. Doch müsste die Historikerin eine Lektion aus alledem ziehen, dann diese: Klimaschutz ist effektiv, wenn er lokal organisiert ist, etwa in Grätzeln. Wer seinen Nachbarn direkt helfen kann, steigert auch die Selbstwirksamkeit im großen, abstrakten Kampf gegen Treibhausgasemissionen. Und man muss Winiwarters Werk nur überfliegen, um eine weitere Lektion abzuleiten: "Umweltgerechtigkeit ist die Basis aller Gerechtigkeit", schreibt Winiwarter in einem ihrer Bücher ("Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft", Picus Verlag, 2022).
Wer in verdreckten Gebieten lebt oder keinen Zugang zu Umweltressourcen hat, kann sich auch nicht recht um Wohlstand oder Gesundheit sorgen. Und wer sich erst um eine zerstörte Umwelt kümmern muss, kann oft auch keine funktionierenden, gerechten Institutionen aufbauen, hat keine Chance auf demokratische Teilhabe.
"Die Geschichte zeigt, dass Menschen schon immer geglaubt haben, stärker als die Natur zu sein. Sie mit Technologie ersetzen zu können", sagt Winiwarter. Doch die Historie hat auch oft genug gezeigt, dass die guten Lösungen in der Natur selbst liegen: Nicht umsonst baut man heute vielerorts Dämme zurück, renaturiert Flüsse, um stattdessen Wälder und Auenlandschaften bei Hochwasser überflüssiges Wasser speichern zu lassen. Die dieses bei Dürre auch wieder freigeben können.
Bleibt also noch eine Frage: Ist die Forscherin heute, nach den vielen Jahren mit vollem Terminkalender, zufrieden mit ihrer Karriere? "Ich glaube, dass das ein gutes Lebenswerk ist."