Gespräch: Stefan Apfl, Martin Gantner
FALTER: Nr. 02/2010
Erscheinungsdatum: 13.01.2010
In letzter Zeit ist das vorgekommen. Ich bin mittlerweile so bekannt, dass ich häufig angesprochen werde. Mein normales Leben ist dadurch ein wenig aus dem Rhythmus geraten, sodass ich jetzt zweimal wieder in der Obdachlosenverkleidung unterwegs war. So werde ich in Ruhe gelassen und nicht besser behandelt als andere.
Ich nutze den Vertrauensvorschuss. Es werden zuhauf Ungerechtigkeiten an mich herangetragen, die ich niemals alle journalistisch verarbeiten kann. Da greife ich dann zum Hörer und rufe den Unternehmer mit der Bitte an: „Bringen Sie das in Ordnung. Denn wenn da nichts geschieht, muss ich das leider veröffentlichen.“ Und siehe da: Plötzlich geht es ganz schnell. Neuerdings verzichten die Beschuldigten auch darauf, mich zu verklagen. Das ist das eigentlich Neue. Die Prozesse bleiben aus.
Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass ich die Verfahren bisher alle gewonnen habe. Außerdem werden durch einen Prozess die Sauereien erst richtig bekannt.
Dass es ein völlig anderes Deutschland gibt, das mit dem mir vertrauten Deutschland nicht viel gemein hat. Menschen, die man sonst als freundlich erlebt, fallen plötzlich durch Verachtung, Ignoranz und Gewaltbereitschaft auf.
Dass Deutschland, was den Umgang mit Menschen anderer Herkunft betrifft, ein sehr rückständiges Land ist. Erinnern Sie sich an den bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der offen von einer unzulässigen Durchrassung der deutschen Bevölkerung sprach? Oder Ronald Schill, ehemaliger Richter und Innensenator Hamburgs, der voller Stolz erklärte: „Von mir haben die Neger alle immer etwas mehr bekommen“? Das ist nicht nur ein Rassismus der einfachen Leute, sondern es sind Vertreter der Elite, die diese Fremdenfeindlichkeit von oben nach unten verbreitet haben, und dessen konnte ich nun gewahr werden.
Das war das Erstaunlichste. In ihren Kreisen gereicht Rassismus offenbar nicht zum Nachteil.
Jede Debatte, die kontrovers verläuft, dient der Sache, und mit Kritik kann ich umgehen. Im Übrigen war ich alles andere als Borat: nicht provozierend, vielmehr freundlich und zuvorkommend.
Auch viele in Deutschland lebende Schwarze sagen, dass genau dieser Umstand den Film auszeichnet. Die Weißen, die eine rassistische Ideologie haben, werden von einem der Ihren widerlegt.
Im Gegenteil. Dadurch kommen jetzt Vertreter von Schwarzenorganisationen zu Wort. Diesen Vorwurf könnte man ja allen meinen Reportagen machen. Warum beschrieb ich keinen echten Türken oder keinen echten Obdachlosen? Es ist eben meine Ausdrucksform, meine Kunstform. Dieser Vorwurf kommt immer dann, wenn ich den Nerv einer Gesellschaft treffe. Man prügelt den Boten, um die Botschaft nicht an sich ranzulassen.
Ja. Schwarze kommen in den Medien oft nur als Dealer oder Asylbetrüger vor. Als ich dann in die schwarze Szene abtauchte, ertappte ich mich dabei, wie tief solche Klischees sitzen. Somit bieten mir die einzelnen Verkleidungen die Möglichkeit, auch eigene Vorurteile zu überwinden.
Ich hab doch stark den Eindruck, mehr denn je! Nicht zuletzt durch die 68er-Bewegung sind durchaus positive Standards entstanden, andererseits schreitet die Entrechtung der Arbeiterschaft in einer Weise voran, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Heute befinden sich einst selbstverständlich geglaubte Dinge im freien Fall. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Das stellt das Land vor eine Zerreißprobe.
Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass die Gewerkschaften mit dem Rücken zur Wand stehen und keine gestaltende Kraft mehr sind.
Ich bin gerade dabei, ein sogenanntes Wallraff-Stipendium zu schaffen, das diese zeitaufwendige Methode der Rollenreportagen finanziert. Ich muss schließlich auch mal daran denken, dass das nach meinem Tod fortgeführt wird.
So wie Wilhelm Conrad Röntgen Pate für das Röntgengerät stand, stehe ich Pate für eine besondere Form des investigativen Journalismus – für das Durchleuchten der Gesellschaft. Meine Methode ist eindeutig: Da, wo die Arbeit der Bild-Zeitung anfängt, hört meine auf. Also da, wo das Intimleben des größten Schurken beginnt, ist für mich Schluss. Die Methode ist auch nur aus der Position der Schwächeren gegenüber den Mächtigeren anzuwenden und nicht umgekehrt.
Mir hat noch keiner vorgeworfen, dass ich ihn getäuscht hätte. Im Gegenteil: Sie ermutigen mich, und wildfremde Menschen bieten mir auf Veranstaltungen Lohnsteuerkarte und Personalausweis an. Sauer sind nur die, deren Machenschaften ich offenlege. Doch auch da entsteht neuerdings immer öfter eine eigenartige Täter-Opfer-Beziehung. Es kam etwa einer der Mächtigsten aus der Callcenterbranche, den ich als Kriminellen überführt hatte, zu mir und sagte vor laufender Kamera: „Ja, Sie haben recht. Die ganze Branche ist kriminell, aber die anderen sind schlimmer.“
Einige der Gekündigten sind bei anderen Anbietern untergekommen, andere sprechen von einer Befreiung. Die meisten Angestellten leiden unter solch einem System. Nach wenigen Monaten ist die Selbstverleugnung nicht mehr auszuhalten. Schließlich wird man zum Betrüger ausgebildet, und das ist wider die menschliche Natur. In Österreich gab’s sogar zwei Haftanstalten, in denen Callcenter als Resozialisierungsmaßnahme vorgesehen waren. Da hatten dann die Hochstapler und Betrüger die besten Chancen, sich zu bewähren.
Günter Wallraff
Nein. Wer vorgibt, objektiv zu sein, sollte hinterfragt werden. Ich bin parteilich auf der Seite der jeweils Schwächeren, denn das Recht ist auf der Seite der Opfer, sagte schon Heinrich Böll. Im Zweifel fühle ich mich jenen am ehesten zugehörig, die nicht dazugehören.
Ich bin ein fehlerhafter Mensch und wehre mich dagegen, als Vorbild idealisiert zu werden. Aber ich werde mich davor hüten, Ihnen meine Fehler zu nennen. Diesen Gefallen möchte ich meinen Gegnern nicht tun. Ich schreibe auch an einer Autobiografie, die aber erst nach meinem Tod erscheinen soll.
Weil es auch eine Selbsthinterfragung ist, in der es darum geht, was ich Menschen im Privaten angetan habe. Ich bin nun zum dritten Mal verheiratet, und wenn es ein Schuldprinzip gäbe, dann wäre ich sicher der schuldige Teil. Ich hab so einiges wiedergutzumachen.
Nein. Das hängt damit zusammen, dass Geld für mich nie eine so große Rolle spielte. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ende der 70er-Jahre saß ein freundlicher Herr in meiner unaufgeräumten Küche, der meine Arbeit gut fand, mich unterstützen wollte und mir anbot, für seine Zeitung Sozialreportagen zu schreiben. Geld würde keine Rolle spielen. Natürlich interessierte mich das. Ich ließ mir also die Zeitung zustellen, um über das Angebot nachzudenken. Als ich sie dann las, war ich entsetzt. Der nette Herr war Hans Dichand (der ehemalige Herausgeber der Kronen Zeitung, Anm.). Ich hab ihm dann einen freundlichen Brief geschrieben und hab mich für das wirklich nette Gespräch bedankt. Aber neben den Hetztiraden eines Staberl wollte ich meine Reportagen nicht veröffentlicht sehen. Solche Angebote gab es einige. Auch zwei politische Parteien haben mir jüngst ein Angebot gemacht. Das kommt für mich aber nicht infrage.
Die Rollen sind eher aus einer Identitätsschwäche heraus entstanden. Ich war in meiner Jugend extrem schüchtern. Indem ich mich in so extreme Rollen begebe, bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich habe dadurch eine gesellschaftliche Zugehörigkeit entwickelt und bin auch streitbarer geworden.
(Lacht.) Ich werde die Welt nicht retten, falls sie überhaupt noch zu retten ist. Wenn allerdings alle ihr Möglichstes dazu beitragen, dann ist viel mehr möglich, als wir jetzt für möglich halten.
Schwarze Deutsche stehen unter Generalverdacht. Sie werden etwa als Einzige aus öffentlichen Verkehrsmitteln rausgeholt, müssen Papiere vorweisen und werden gefilzt. Die Vorurteile gegen Schwarze sind so groß, dass sie oft nur über Beziehungen Wohnungen kriegen. Es gibt keine Normalität für sie.
Es leben zu wenige Menschen aus anderen Kulturkreisen unter uns. Deutschland braucht Entwicklungshilfe von Menschen, die vergleichen können, die Wurzeln in zwei Kulturen haben, das Rückständige der jeweiligen Kultur hinter sich lassen und sich die positiven Eigenschaften zu eigen machen. Wichtig ist, dass Kinder in Kindergärten und Schulen bereits miteinander spielen und verschiedene Kulturen kennenlernen.
Früher waren Türken in der untersten gesellschaftlichen Rangordnung, heute sind andere an ihre Stelle getreten. Schwarze sind heute am diskriminiertesten, dazu kommen Ostarbeiter und Langzeitarbeitslose, die Verachtung zu spüren bekommen.